Der Probenprozess von „Outsiders“

Ein kitschiger Erlebnisbericht von Thyl Hanscho (Regieassistent, Dramaturg)

(Foto: Shirin Kavin)
Jakub Kavin OUTSIDERS Stummungsfoto

Ein früher Morgen. Ich habe die Nacht zuvor nicht viel geschlafen, lange gearbeitet. Nein, wirklich. Mit dem heißen Becher Kaffee in der Hand trägt mich mein Körper in die Zimmermanngasse, während mein Kopf noch im Polster vergraben liegt. Er schließt die Türe auf, betritt den Proberaum und betätigt den Lichtschalter. Im Blitzen und Knistern der Scheinwerfer wache ich langsam auf. Ich stelle die Tische an den Rand und baue die Mikrofone auf, die die Improvisationen des Tages aufzeichnen werden. Nur wenige Minuten nach meinem Eintreffen tauchen die ersten „Outsiders“ auf. Morgengrüße fliegen durch den Raum und eine seltsame Spannung baut sich in mir auf. Keine unangenehme Spannung. Eher eine Form von Aufladung.

Die Luft, die anders riecht, vor einem warmen Sommerregen.
Eine Ruhe vor dem Sturm.

Nach und nach treffen sie alle ein, die vielen Gesichter des Ensembles. Ihre Morgengespräche füllen den Raum und ich sehe die Welten, die mit einander sprechen. Eine gemeinsame, verbindende Verschiedenheit steht im Raum und lächelt mich an. Die Atmosphäre wirkt besser als jeder Schluck Koffein. Ich bin wach und staune. Staune über das alles.

Die ersten Tropfen fallen.
Ich schließe meine Augen und höre das Pfeifen des Windes.

Wir bauen eine Skizze des Bühnenbildes auf. Klappstühle aus Holz markieren die Viersitzer der U-Bahn. Zwischen diesen bewegen sich die SchauspielerInnen. Ein Setting wird ihnen gegeben. Sie bereiten sich vor. Auf das Kommando der Regie drücke ich auf Aufnahme und die Improvisation beginnt.

Als ich sie wieder öffne, leuchtet der Himmel.

Dialoge bauen sich auf, Schlagworte fallen, Szenen ergeben sich. Ich sitze gebannt da und bin begeistert von der Offenheit und Kreativität. Dass ich all das transkribieren werden muss, plagt mich weniger, als zu wissen, dass nicht alles Platz im letztlichen Skript finden wird. Das Mit-, Gegen- und Durcheinander vor meinen Augen lebt und ist echt. Es sind nicht nur gelernte Techniken, nicht implantierte Gedanken, sondern ungenützte Potenziale, die endlich einen Raum haben, der ihnen sonst oft verwehrt geblieben ist.

Die Wolkendecken glühen.
Ein Trommeln schwingt durch die Luft.

Der Einfallsreichtum weckt in allen neue Gedanken, lässt sie aus sich herausgehen und plötzlich zeigen sich Facetten, die man diesen Außenseitern nie zugetraut hätte. Sie sind nicht mehr kategorisierbar. Sie sind nicht mehr eingerahmt in einem Milieu. Sie sind alle gemeinsam. Und alle gehören sie hier, in diesen Moment, in diesen Raum.

Ich renne nicht davon.
Ich suche keinen Schutz.

Die Probe nähert sich ihrem Ende. Wir finden uns in einem Sesselkreis ein, erzählen uns voneinander. Offen und klar werden Lebensgeschichten sichtbar, die man im Alltag nicht bemerkt, die man nicht bedenkt. Nicht lange dauert es, bis die ersten Tränen fließen.

Ich fühle mich wohl.

Es ist 14 Uhr. Nach intensiven vier Stunden leert sich der Proberaum nach und nach. Meine Augen sind weit offen, mein Körper fast ins Schweben gehoben von der Energie, die immer noch im Raum steht. Ich übertrage das Tonmaterial auf meine Festplatte und baue die Mikrofone ab. Ein jeder Einzelne und eine jede Einzelne verabschiedet sich von mir. Einmal werde ich unerwartet umarmt. In der Straßenbahn nach Hause schlafe ich erschöpft ein. Der Kaffee hat nichts genutzt.

Die Luft, die anders riecht, während einem Sommerregen.

Man mag das alles Kitsch nennen. Man mag das Kunsttherapie nennen. Man mag sich fragen, was dieser Text hier verloren habe, warum er nicht sachlich sei. Ich sage dazu so viel: Ich habe mich während den Proben in einem Raum bewegt, an dessen Atmosphäre Worte wie Kitsch oder Kunsttherapie nicht einmal annähernd herankommen. Ich habe diesen Raum betreten und wurde von den darin wirkenden Menschen mitgerissen. Egal wie schlecht es mir ging, egal wie müde oder mies gelaunt ich war, ich hatte keine Wahl als mit Elan dabei zu sein. Es ging nicht anders. Ich war regelrecht zur Energie gezwungen. Daher habe ich diesen Text geschrieben. Nicht um Ihnen – bei allem Respekt – zu erklären, wie eine Probe genau ablief. Sondern um diesen einzigartigen Menschen zu danken und ihnen eine Hommage zu bieten. Für das, was sie mir gaben und das, was sie für Sie kreierten.

Ein Genuss.

Glauben Sie mir! Wenn ich Ihnen eine gewisse Stimmung oder ein Gefühl vermitteln konnte, dann war ich damit näher an einer akkuraten Darstellung, als es eine sachliche Beschreibung hätte sein können. Wenn ich dennoch versuche, zumindest ein Wort zu finden, das den Probenprozess so beschreibt, wie ich ihn erlebt habe, ohne etwas auszulassen und ohne malerisch zu übertreiben, dann komme ich nur auf eines:

Einzigartig.