„Papa“ im Gespräch – Ein Interview mit Jakub Kavin

Jakub Kavin OUTSIDERS Interview

Nach der Pressekonferenz zur Eröffnung von „Bock auf Kultur“ hat dich die APA zitiert. Du möchtest „der Homogenität auf Österreichs Bühnen entgegenwirken“. Was heißt das? Worum geht es dir mit dem Projekt „Outsiders“?

Der Ausgangspunkt für das Stück Outsiders war, dass ich verstärkt begann mich auch sozialen Themen zu widmen, in letzter Zeit. Ich habe zum Beispiel die Ausbildung zum DAF/DAZ-Trainer gemacht, also Trainer für Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache. Hier hatte ich zwei prägende Erlebnisse. Das erste war ein Erlebnis bei meinen ersten Hospitationseinheiten, wo ich in einer Alphabetisierungsklasse am BFI gelandet bin. Eine Frau hat nach 3 Monaten täglichem Unterricht ungefähr 3 Minuten gebraucht um den eigenen Namen auf die Tafel zu schreiben.
Ein zweites prägendes Erlebnis war, als wir in unserem Gender Seminar eine transidente Gastdozentin hatten. Diese Frau hat den Raum betreten und es hat in mir etwas ausgelöst. Ich war von ihrer Art und ihrer Ausstrahlung fasziniert und zugleich ein wenig abgestoßen, ich merkte, dass ich trotz all meiner geglaubten Offenheit, doch gewisse Barrieren habe, gewisse Dinge zwar intellektuell aber offenbar doch nicht emotional begreifen kann. Denn wie gesagt, meine Reaktion war durchaus eine körperliche. Ein Unwohlsein, ein veränderter Pulsschlag, eine spürbare Irritation.
Wenige Wochen nach diesen Erlebnissen ging es wiedermal ans Konzeptschreiben, ich konnte nicht umhin diese Dinge aufzugreifen. Die Scheuklappen der künstlerischen Introspektion abzulegen und mich diesen für mich neuen Themen widmen. Nämlich den gesellschaftlichen Randgruppen.
Das war der Ausgangspunkt. Und dann war für mich eben die Frage da: Was funktioniert für mich am Theater nicht, wenn politische Themen aufgegriffen werden? Die Antwort ging für mich in die Richtung: Gut, ich muss tatsächlich mit diesen Randgruppen arbeiten und dann aber dennoch möglichst Menschen finden die aus einem professionellen Kontext stammen, weil ich kein Laientheater oder einen Workshop machen will, sondern weil ich wirklich ein intensives Ding auf die Bühne stellen will, aus dem das Publikum raus geht, mit einem dichten Theatererlebnis. Und um das zu bewerkstelligen, kann ich weder auf die 0815 Wiener Schauspieler zurückgreifen – ich kann dann einfach nicht in diesem Theaterszenensud drinnen bleiben – noch kann ich mir die Menschen einfach so auf der Straße suchen, weil dann bin ich in der Amateurtheaterecke drinnen…
Was die Homogenität auf den Wiener Bühnen betrifft: Ich behaupte jetzt nicht, dass ich einen kompletten Überblick habe, nicht einmal über die Wiener Theaterszene, aber mein Eindruck ist schon der, dass es entweder spezifische Projekte gibt, mit Behinderten, mit Flüchtlingen, mit Arbeitslosen, mit Straftätern, mit einer konkreten Randgruppe der Gesellschaft, oder eben das elitäre Theater vom Burgtheater abwärts, wo die Deutsche Bühnensprache und eine körperlich „normale Erscheinung“ Pflicht sind. Alles sehr homogene Strukturen. Aber dass sich die Gesellschaft wirklich auf der Bühne widerspiegeln würde, so offen, wie sie nun mal ist – schließlich gibt es eine Menge Antidiskriminierungsgesetze, die die Offenheit der Gesellschaft gesetzlich verankern – das findet eigentlich nicht statt. Insofern funktioniert Theater für mich vielleicht deshalb oft nicht, weil das Leben eigentlich spannender ist als das Theater oder ich langweile mich im Theater beim Zuschauen deshalb, weil ich in der heutigen Gesellschaft und in der heutigen Zeit einfach auch schon insoweit desillusioniert bin, dass ich diese synthetische, homogene Märchenwelt einfach nicht mehr akzeptieren kann. Diese Synthetik hat natürlich auch was für sich und ich will dieser Theaterform auch in keinster Weise ihre Berechtigung absprechen. Es ist natürlich auch wichtig, Literatur zu spielen und es wäre jetzt realitätsfremd zu sagen, man kann jede Literatur auf einem hohen Niveau spielen mit Menschen, die nicht der Kategorie der ausgebildeten deutschsprachigen Schauspieler_innen entsprechen.

Deshalb auch die Methode der Stückentwicklung? Oder hatte das einen anderen Grund?

Würde ich jetzt nicht unbedingt sagen, weil ich denke schon, dass man Literatur mit so einer Gruppe, wie wir sie haben, auch bringen kann. Nur muss es dann spezifische Literatur sein. Einen Shakespeare wirst du nicht spielen können, aber zum Beispiel eine Jelinek vielleicht schon. Das Stück muss irgendwie auch auf die jetzigen gesellschaftlichen Gegebenheiten Rücksicht nehmen, würde ich sagen. Es muss wahrscheinlich eher etwas Modernes sein oder etwas Selbstgeschriebenes. Ich glaube schon, dass man das mit so einer Gruppe machen kann, weil eben jeder auch seine Potenziale einbringt. Es muss auch nicht jeder irgendwelche komplizierten Monologe dreschen. Es gibt ja diverse Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen. Das findet ja nicht nur mit Sprache statt. Von dem her würde ich nicht sagen, dass das der Grund ist für die Methode, sondern die Methode ist für diese Gruppe, für mich, einfach ein wichtiger Startpunkt. Das heißt, ich mit diesem Stück „Outsiders“ will nicht einfach ein Stück machen und dann ist das wieder abgeschlossen. Ich möchte mit so einer Art Gruppe weitergehen. Oder gerne auch genau mit dieser Gruppe. Mit diesen Menschen. Und dann einfach auch schauen, wie kann man noch andere Projekte entwickeln. Wie kann man eventuell auch Schriftsteller ansprechen, die dann für so ein Ensemble ein Stück schreiben.

Heißt das, du würdest sagen, du strebst eine neue Form des Theaters an?

Eine „neue Form des Theaters“ ist vielleicht ein bisschen zu großkotzig. Ich strebe zumindest innerhalb von Wien etwas an, was sich etabliert, was seinen Raum findet, was einfach noch nicht wirklich da ist. Ich sage auch nicht, dass es gar nicht da ist. Ich bin auch sicher, dass es da schon solche Ansätze gegeben hat. Die Frage ist, inwiefern man die dann auch radikal verfolgt hat. Mir war es insofern wichtig die Homogenität zu durchbrechen, indem ich wirklich offen war für diese Randgruppen, indem ich mir quasi selber Quoten auferlegt habe. Indem ich mir gesagt habe: ich mache jetzt hier ein Projekt, aber das sollte wirklich die Gesellschaft spiegeln. Das heißt, wenn ich ein Stück mache, lege ich mir selber Quoten auf und ich sage, das muss irgendwie eingehalten werden, damit das meinen Kriterien entspricht. Es ist dann so, dass die Profis, die diese Dinge nicht mitbringen, es vielleicht schwerer haben, ins Ensemble zu kommen. Aber das macht auch nichts, es gibt tausend andere Ensembles, wo alle anderen diskriminiert werden. Die Nichtdeutschsprachigen Profis, die behinderten Profis etc… Ich würde gerne – da drifte ich jetzt ab – ein Ensemble aufbauen, das im Jahr zwei Stücke macht, und bei dem sich die Profis die den gängigen Normen entsprechen als Impulsgeber abwechseln und das Kernteam bleibt.

Müssest du dann, wenn du über bestimmte gesellschaftliche Themen ein Stück machst, darauf schauen, dass immer andere Gruppen vertreten sind? Oder ist das Ensemble nicht an den Inhalt des Stückes gebunden?

Nein, ich denke nicht. Natürlich wenn du was total Milieu-spezifisches machst – sprich du machst zb irgendein Stück über den Hyposkandal, das im Bankenmilieu spielt – aber selbst da lassen sich Rollen für alle finden. Grundsätzlich ist es nicht daran gebunden. Es kann ein Schwarzer oder ein Asiate den Hamlet spielen, warum nicht? Aber auf dieses Ensemble bezogen: Man muss mit der Authentizität der Sprache arbeiten und wenn die nicht da ist auf einem Level, auf dem man behaupten kann, es sei glaubwürdig, dass jemand in der Hypo-Bank der Aufsichtsrat war, dann wird man ihn auch nicht so besetzen. Das bringt niemandem was.

Funktioniert das dann so, dass man nicht die Schauspieler nach dem Stück sucht, sondern das Stück nach den Schauspielern sucht bzw. schreibt?

Nein, ich denke nicht. Natürlich wenn du was total Milieu-spezifisches machst – sprich du machst zb irgendein Stück über den Hyposkandal, das im Bankenmilieu spielt – aber selbst da lassen sich Rollen für alle finden. Grundsätzlich ist es nicht daran gebunden. Es kann ein Schwarzer oder ein Asiate einen Bankenvorstand spielen, warum nicht? Aber auf dieses Ensemble bezogen: Man muss mit der Authentizität der Sprache arbeiten und wenn die nicht da ist auf einem Level, auf dem man behaupten kann, es sei glaubwürdig, dass jemand in der Hypo-Bank der Aufsichtsrat war, dann wird man ihn auch nicht so besetzen. Das bringt niemandem was.

Funktioniert das dann so, dass man nicht die Schauspieler nach dem Stück sucht, sondern das Stück nach den Schauspielern sucht bzw. schreibt?

Bei Outsiders war es schon so. Wir gehen in die U-Bahn und dort treffen sich nun mal diverse Kulturen, diverse Schicksale und diverse Gesellschaftsschichten. Ich denke aber, man kann sich mit der Erfahrung, die dieses Ensemble schon gemacht hat, durchaus weiterentwickeln. Solange es Texte sind die den urbanen Zeitgeist erfassen und wo die Autoren und Verlage dem Theatermacher eine größtmögliche Freiheit im Umgang mit dem Text einräumen, ist vieles möglich. Es ist jetzt ein Pilotprojekt. Eine erste Annäherung an die grundsätzliche Idee eines offenen Theater für eine offene Gesellschaft. Aber die Arbeitsmethode muss zum Glück nicht immer die gleiche sein, da würde die Gruppe sicher auch schnell künstlerisch an einem toten Punkt anlangen..

Wie lief der Castingprozess ab? Wo und wie findet man die Outsiders?

Grundsätzlich sage ich mal: Facebook ist ein Segen für sowas. Ganz banal gesagt. In Zeiten vor Facebook hätte ich dafür wahrscheinlich 10 Castingagenten gebraucht. Es wäre mit diesem Budget nicht möglich gewesen. Der Prozess der Suche war natürlich dennoch anstrengend und intensiv, aber eben dank Facebook nicht total absurd. Ich habe einige DarstellerInnen schon vorher gekannt. Man schöpft ja da auch aus den eigenen Erfahrungen und Begegnungen, die man gemacht hat. Viele andere habe ich dann über Facebook über diverse Seiten gefunden. Dazu noch: Von vornherein, als ich diese Geschichte aufgebaut hatte, habe ich mir zwei Kooperationspartner gesucht, nämlich Neustart – den Verein für Bewährungshilfe – und das Flüchtlingsprojekt Ute Bock, wobei die Suche bei letzterem dadurch funktioniert hat, dass ich durch diverse Deutschklassen gegangen bin und vor Ort persönlich die Flüchtlinge mit Bühnenerfahrung angesprochen habe.

Hast du von Anfang an gewusst, dass du einen ehemaligen Sträfling, einen Flüchtling eine Tänzerin, eine ehemalige Sexarbeiterin usw. dabei haben willst oder hat es sich einfach nur so ergeben?

Also es war für mich klar, dass ein Mensch auf Bewährung dabei sein sollte und es war auch fix für mich, dass ein Mensch mit Fluchterfahrung dabei sein wird. Sonst war eigentlich das Grundkonzept, dass ich möglichst Profis aus dem Tanz-, Musik- und Schauspielbereich nehme.

Dann hast du ja mit diesem jetzigen Ensemble der Homogenität eigentlich noch mehr entgegengewirkt als ursprünglich geplant, oder?

Naja, ich kann nur sagen, es ist die Frage, was ein Profi ist. Du wirst im künstlerischen Bereich in Wien von Asien- bis nach Amerika-stämmige Profis finden. Du kannst auch unter Behinderten einige Profis mit langjähriger Bühnenerfahrung finden. Das, was bei uns der Fall ist, ist eben, dass wir jetzt mehr Leute auf der Bühne haben als ursprünglich vorgesehen, die von sich selbst ausgehen. In dem Extrem, wie wir das Ensemble jetzt haben, ist es ja auch kein Spiegelbild der Gesellschaft mehr. Mir hätte ein authentisches Spiegelbild gereicht. Nur klar, wenn ich schon die Gelegenheit bekomme mit so spezifischen Menschen zu arbeiten, dann finde ich es spannend mich darauf einzulassen.

Du hast während den Proben einmal das Wort „Kunsttherapie“ in den Mund genommen. Obwohl es, wie du gesagt hast, nicht darum oder um einen Workshop oder Ähnliches geht, hauptsächlich…

Eigentlich gar nicht!

…kannst du vielleicht kurz erklären, was da passiert ist? Warum „Kunsttherapie“?

Wenn du so viele ganz spezielle Geschichten im Raum hast, ist es wichtig, dass wir zumindest eine gewisse Offenheit mit unseren Schicksalen an den Tag legen, weil – glaube ich – nur so das Verständnis und der Respekt für das Projekt wirklich da sein können. Dann ist es vielleicht auch verständlicher, warum man mit dem einen oder anderen ein bisschen mehr Geduld haben muss und warum der da wirklich auch dazugehört, obwohl man es auf den ersten Blick von seinem künstlerischen Output nicht sieht. Was wichtig ist, ist der Respekt der Gruppe gegenüber und dem Individuum gegenüber. Ich glaube, diesen Respekt konnte ich nur herstellen, indem ich die Geschichten auf den Tisch lege. Und natürlich auch, indem ich der erste war, der sich hingesetzt hat und geredet hat und dann dadurch die anderen eingeladen hat. Ein paar haben nicht viel von sich hergegeben, aber die grundsätzliche Offenheit war einfach da. Nur auf dieser Offenheit kann man dieses Projekt aufbauen. Andererseits führt das natürlich auch dazu, dass es weh tut. Es gibt unweigerlich eine Beschäftigung mit sich selbst und mit anderen. Diese Beschäftigung, die einen aufs Glatteis wirft, lässt einen auch punktuell auf die Schnauze fallen. Ich bin mir dessen bewusst, dass ich Wunden aufmache. Man landet dabei zwangsläufig bei einer Art kunsttherapeutischem Setting, das aber wahrscheinlich professionell aufgezogen ein viel Behutsameres wäre. Wir haben hier nur einen Crash-Kurs gemacht. Und – weil wir ja Kooperation mit dem Flüchtlingsprojekt Ute Bock im Rahmen von Bock auf Kultur haben, spreche ich das an – die Flüchtlinge, die bei der Ute im Haus wohnen oder gewohnt haben, die nennen sie „Mama“. Und insofern bin ich in dieser Gruppe „Papa“. Und das muss ich auf mich nehmen und kann nicht in einem rein professionellen Rahmen mit den Menschen umgehen, sondern muss einfach schauen, dass ich auf deren Befindlichkeiten auch eingehe.

Gibt es noch etwas, das du sagen möchtest?

Nur, dass ich es, innerhalb dieses absichtlich zusammengewürfelten und total heterogenen Ensembles, als wahnsinniges Geschenk empfinde, erstens mit einem syrischen professionellen Schauspieler arbeiten zu können, der von diesem Low Budget Projekt tatsächlich schon auf seiner Flucht erfahren hat und sich da schon, irgendwo in Griechenland, entschlossen hat, hier mitzuspielen; der einfach von Anfang an total konzentriert dabei ist. In den ganzen sechs Wochen hat er zwei Proben verpasst, weil er zwei wirklich wichtige Termine hatte. Nämlich ging es erstens um seine Existenz hier in Wien – das war ein Termin bei der Caritas – und der andere Termin war wegen der Nestroy-Preisverleihung. Und beide Termine haben ihm unglaublich wehgetan, weil er nicht bei der Probe dabei sein kann. Er ist einfach hundertprozentig fokussiert und konzentriert dabei und hat einen absoluten Berufsethos. Das ist total schön und das zeigt einfach, wie viel Potenzial die Gesellschaft vergeudet, wenn sie diese zu großen Teilen wirklich toll und gut gebildeten Menschen einfach so marginalisiert. Da bin ich so froh, dass ich wenigstens Einem direkt eine Perspektive in seinem Beruf geben konnte und es wäre so schön wenn das auf anderen Ebenen auch geschehen könnte. Ich finde es wahnsinnig wertvoll, dass das passiert ist, in dem Projekt.
Das Zweite, was ich sagen muss, ist, dass wir in unserem deutschsprachigen Theaterraum sehr selbstverliebt und mit Scheuklappen unterwegs sind. Meiner Ansicht nach spielt bei mir ein brasilianischer Schauspieler, der einfach eine Qualität hineinbringt, die – ich will nicht sagen „einzigartig ist in Wien“, aber diese Mischung aus Technik und Freiheit auf der Bühne, aus Bescheidenheit und Intensität, aus Spielfreude und auch gleichzeitig Selbstironie, das ist einfach großartig, was er einbringt. Dass dieser Mensch quasi dauernd arbeitslos ist, das zeigt mir einfach, wie wichtig solche Projekte, solche Ansätze sind, eines offenen Theaters für eine offene Gesellschaft.

Das Gespräch führte Thyl Hanscho
11. November 2015